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wenn nicht alles stimmt.

2009/11/17

Langsam ging er über den Platz, eigentlich war es kaum mehr ein Gehen, mehr ein Stolpern, ein Vorwärtskommen ohne wirklich noch die Kraft zu haben, geschweige denn ein Ziel. Es trieb ihn einzig und alleine der unsägliche Hass in ihm. Zumindest das hatte funktioniert, er hatte es geschafft, seine ganzen Verletzungen, seine Trauer und seinen Schmerz zu kanalisieren, die ganzen Gefühle zu einem Klumpen kalten Hasses zu pressen und tief in seinem Magen zu behalten. Dieser Klumpen trieb ihn, richtungslos, aber bereit, zu explodieren, machte ihn bereit, dem nächstbesten Idioten mit der Rückseite voran ins Gesicht zu springen, ihm wegen irgendeiner Kleinigkeit den ganzen Hass mitten in die Fresse zu speien.

Er ging über den Platz und wünschte sich so eine Gelegenheit, eine Nichtigkeit, einen Grund. Nur einen Anlass, diesen bitteren Klumpen Hass loszuwerden, sich wieder als normaler Mensch zu fühlen. Mehr brauchte er gerade nicht, nur diesen einen Grund auszurasten, sich völlig zu verausgaben und schliesslich kaputt und blutig auf den regennassen Boden zu sinken und endlich leer zu sein. Leer. Wie ein Zombie, eine verdammte Marionette, ohne jegliches Gefühl, friedlich und still. Und vor allem ohne diesen alles verzehrenden Schmerz, ohne die nicht zu ertragende Trauer, ohne das Bedürfnis, all das herunterzuwürgen, es zu Hass zu verarbeiten. 

Nur nichts mehr fühlen wollte er, als er über den Platz ging. Doch niemand begegnete ihm, keiner rempelte ihn unabsichtlich an. Und so ging er weiter und sein Hass mit ihm.

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wenn alles stimmt.

2009/11/15

Ich mach jetzt hier mal ein wenig Cross-Posting und zitiere aus einem Blog-Eintrag einer talentierten Schreiberin (armadakant), da ich ein kleiner Punk bin, tue ich das ungefragt und spontan:

„nichts als ein grosser zufall, jemandem zu begegnen, dem man sich nicht erklären muss.“

Ich finde das sehr schön gesagt und sehr wahr. Und umso wahrer ist es im Moment für mich, da mir genau ein solcher Zufall wieder einmal passierte. Eine herrliche Situation, jemanden um sich zu wissen, bei dem man nichts falsch macht und nie das Gefühl hat, das, was einem gerade durch den Kopf geht, nicht sagen zu können. Das ganze Leben rund um diesen Menschen und sich selbst ist so einfach, so völlig natürlich, entspannt und fühlt sich so verdammt richtig an. Alles ist, wie es sein sollte, verkatert beim Kaffee sitzen macht mehr Spass, das zuvor stattfindende Saufen sowieso, politisch höchst unkorrekte Diskussionen funktionieren auf einem dermassen eingespielten Level, dass es Aussenstehenden wie ein Theaterstück nach jahrelanger Probenarbeit vorkommen muss, gemeinsames Schweigen ist nicht unangenehm, gemeinsames Reden trotz allen Blödsinns, der da verzapft wird, nicht inhaltslos.

„Er schreibt bestimmt von seiner neuen Freundin.“, wird sich der Eine oder Andere denken. Das ist natürlich nicht abwegig anzunehmen, es stimmt allerdings so nicht. Was aber keine Rolle spielt, weil das Leben auch einfach nur durch die Tatsache, dass es sie gibt, besser ist. Für mich und sie (allfällige Ähnlichkeiten mit dem Werbeslogan eines grösseren Detailhändlers sind zufällig).

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geschichte.

2009/11/11

Man wollte von mir wissen, wo ich mich in zehn Jahren sehen würde. Blosse Vermutung, natürlich, aber dennoch: was ich täte, womit ich mich beschäftigen würde, welches meine Ambitionen seien. Und das brachte mich in gewisse Erklärungsnotstände, denn, ganz ehrlich gesagt, ich weiss nicht, was ich in zehn Jahren tun werde. „Ich weiss ja nicht einmal, was ich in zwei Wochen tun werde“, wollte ich schon sagen, besann mich dann aber eines Besseren und murmelte etwas von „weiterhin in der Forschung arbeiten, eine eigene Gruppe leiten, Rhabarberrhabarber“.

Und als ich später darüber nachdachte, erschien mir dieser Weg logisch, denn der Job macht grösstenteils wirklich Spass. Man wird dabei nicht reich, aber man verdient genug, weil man sowieso zuviel arbeitet, um vernünftig Geld ausgeben zu können, es fordert einen und… Blödsinn, alles. Man möchte natürlich in die Geschichte eingehen, etwas Umwerfendes entdecken. Denn viele andere Möglichkeiten, in die Geschichte einzugehen, sind mit nicht zu unterschätzenden „Abers“ versehen.

Würde ich beispielsweise Diktator, so spräche das den gemeinen Teil in mir durchaus an. Ich könnte in einem blutigen Putsch die Macht an mich reissen und alle, die mir gerade nicht in den Kram passen, irgendwo in Arbeitslagern verschwinden lassen. Aber immer in Angst vor dem nächsten kleinen Castro leben? Nicht wirklich.

Als Künstler irgendwas reissen kann ich auch vergessen, denn meine Zeichnungen ähneln bestenfalls den Versuchen eines Grundschülers, wenn ich tatsächlich das Bildhauen ausprobiere, wirke ich auf Unbeteiligte, als ob ich begeisterter Steinbrucharbeiter sei und für Konzeptkunst bin ich zuwenig gesellschaftstauglich veranlagt, meine Ideen sind jeweils dermassen geschmacklos, dass ich sie unter „undurchführbar! wirklich! verdammtnochmal, wirklich!“ abheften muss.

Bleibt mir also nur der Entdecker und da ich wohl nur unter ziemlich grossem Aufwand irgend ein neues Land finde (es sei denn, ich verbinde das Ganze mit der Abspaltung einer neuen Republik von einem bestehenden Land und einem folgenden Putsch, aber das hatten wird ja bereits), heile ich wohl lieber irgendwann Krebs. 

Und wenn ich dann irgendwann sehr berühmt bin, jeder mich kennt und zu mir aufschaut, dann fällt mir sicher auf, dass ich mich weiterhin und ausschliesslich in zehn Jahren gar nicht in einer bestimmten Position sehe, sondern ganz einfach immer da, wo Sie auch ist. So, wie zehn Jahre zuvor auch schon.

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einfach so.

2009/11/01

Was ich will? Nun, weisst du, einfach leben möchte ich, weisst du, mit der grossen Kelle anrühren, die Extremsituationen durchmachen, nicht nur so halbe Sachen, weisst du, über die Stränge schlagen, im Positiven und im Negativen, auch mal viel zu viel trinken, weil es das braucht, mich im Dunkel der Nacht von Spelunke zu Spelunke treiben lassen, weisst du, mich gehen lassen, im Club völlig durchdrehen und mir die Bässe der Musik quer durch den Rumpf jagen, in den Sonnenaufgang torkeln und mich dabei so lebendig fühlen, den nächsten Tag nur knapp überstehen aber das in Kauf nehmen und den Schmerz akzeptieren, mir auch dabei immer bewusst sein, dass ich lebe, weisst du, ich möchte zynisch und kaltschnäuzig sein und mich doch gerührt fühlen, wenn das kleine Mädchen im Bus seine Grossmutter umarmt, weisst du, ich möchte weiterhin meine Proletenlyrik pflegen, schnoddrige Texte schreiben und doch einmal etwas verfassen, das die Leute zum Weinen bringt, weil es so einfach und wahr ist, weisst du, ich möchte es immer wieder erleben, dass ich nachts aufwache und mein Kopf an ihrer Stirn liegt, dass meine Hand ihr Haar berührt und meine andere Hand die ihre, dass sie geht und ich mich nur noch wie ein halber Mensch fühle, weisst du, den ganzen Scheiss möchte ich, aber auch die Momente, in denen ich vor lauter Liebe nicht weiss, wohin mit mir, ich möchte Tage, an denen ich nichts auf die Reihe kriege und Tage, an denen ich auf dem Zahnfleisch nach Hause gehe, weil es der fünfte Tag mit dreizehn Stunden Arbeitszeit am Stück war, weisst du, ich möchte mit hochgerecktem Mittelfinger durch die Stadt gehen und all den Idioten meinen Hass entgegenschreien und mir doch immer bewusst sein, dass es so viele Menschen gibt, die ich nicht genug umarmen kann, um ihnen für das zu danken, was sie für mich sind, weisst du, ich möchte die Hälfte aller Bands verbieten, nur um von den anderen weggeblasen zu werden, ich möchte all diese Augenblicke in meinem Hirn einbrennen, bei denen mir urplötzlich Tränen in die Augen schiessen, ob aus Trauer oder vor Glück, weisst du… einfach leben, weisst du.

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skurriles anschweigen.

2009/10/29

Letztes Wochenende war ich auf einer Geburtstagsparty. Es wurde gefeiert wie damals, als wir noch jung waren, das heisst, drei Geburtstaghabende mieteten zusammen einen Ort, an dem man seine Ruhe hatte und luden ein, wer alles so einzuladen war.

Wie es sich für den Anlass geziemte, kamen wir spät und brachten Schnaps. Ebenfalls passend fanden wir, dass wir bereits mehr oder weniger alkoholisiert auftauchten. Hier allerdings merkte man, dass wir älter werden, der Pegel beim Eintreffen rührte von einem Abendessen her, also, nicht dem Abendessen an sich, sondern vom Wein und dem anschliessenden Grappa. Nun, wer so vorglüht, der kann zumindest tief stürzen. Und solches hatten wir vor.

Wir kamen also spät, mit Fahne und in guter Stimmung, gratulierten den Jubilaren, überreichten Glückwünsche, Händedrucke und Spirituosen und begaben uns stante pede an die Bar. Der Abend verlief ziemlich genau so, wie solche Abende eben zu verlaufen pflegen. Der eine oder andere mag sich nun fragen, weshalb ich also darüber schreibe, denn eigentlich ist so eine Geburtstagsparty keine unglaublich prickelnde Angelegenheit, zumindest nicht für Fremde, was will man denn da schon Interessantes lesen. Stattgegeben. Bis auf einen Zwischenfall, welcher – das hat der intelligente Leser schon lange gemerkt – der Grund dieses Eintrags ist.

An einem Punkt des Abends waren ein Freund und ich auf dem Balkon gestrandet, tranken das gefühlt hundertste Bier und unterhielten uns über verschiedenste Frauengeschichten, die zu – wiederum gefühlt – fünfzig Prozent nur in unseren Köpfen passiert waren. Da schlich aus dem Schatten der Nacht ein kleiner, magerer Mann, wohl einige Jahre jünger als wir, ein Männchen also. Mit kurzgeschorenem Haar, Nickelbrille und schwarzem Pullover sah er so unauffällig aus, man hätte ihn ohne grosse Mühe für ein Stück Tapete halten können, wäre diese denn schwarz gewesen. Der Kerl ging mit kleinen und dennoch ungelenken Schritten quer über den Balkon, drehte sich mal hierhin, mal dahin und drehte dann sehr plötzlich und konsequent in unsere Richtung ab. Wir hatten unser Gespräch nicht unterbrochen, dazu gab es auch keinen Anlass. Dachten wir. 

Und dann stand eben dieses Männchen vor uns, schaute vom Einen zum Anderen, grinste und schien darauf zu warten, dass wir ihn in unsere muntere Diskussionsrunde einschlössen. Lange, lange wartete er, stand einfach da und musterte uns. Wir, einigermassen perplex, waren inzwischen verstummt und schauten zurück. Nach einer Ewigkeit schien er dann einzusehen, dass das nichts mehr wird, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Bruchteil einer Sekunde wieder in der Dunkelheit, die ihn gnädig aufnahm und ihn unserem Blick entfliehen liess.

Das waren wohl die seltsamsten dreissig Sekunden, die ich an diesem Wochenende erlebte.

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anspruchsvoll.

2009/10/23

Ich sass neulich so da und dachte über Gott und die Welt nach. Also, in erster Linie über die Welt, „Gott“, so dachte ich, „Gott und ich, wir haben so ein Abkommen. Wir glauben beide nicht an den jeweils Anderen, aber tun uns so gegenseitig nicht weh.“, was erklärt, weshalb ich in erster Linie über die Welt nachdachte.

Und während ich also nachdachte, fragte ich mich, ob ich glücklicher wäre, wenn ich meine Ambitionen herunterschrauben würde. Nicht, dass ich unglücklich wäre, ganz im Gegenteil, ich bin im Normalfall ein äusserst zufriedener Erdenbürger, ich rege mich gerne über Kleinigkeiten auf und geniesse das Fluchen, ich ärgere mich mit grossem Spass wegen gar nicht mal so wichtiger Dinge und verzweifle vergnügt an skurrilen Situationen.

Ich bin also glücklich. Dennoch tauchte die Frage auf, ob ich noch glücklicher wäre, so mit etwas niedrigeren und deshalb erfüllbaren Ansprüchen. Ich befand: nein. Wo wäre denn da der Reiz, heruntergeschraubte Ambitionen sind etwas für Memmen. Ich finde, mein Job soll mich herausfordern, mir Spass machen und genügend Geld bringen, ich finde, ich will mich selbst „echt gut“ finden, weil ich versuche, meinen Ansprüchen zu genügen (und lieber dabei grossartig scheitere, als mich mit weniger zufrieden zu geben), ich finde, meine Freundin soll die für mich schönste Frau sein, die ich mir vorstellen kann.

Denn, seien wir ehrlich: Wenn sie mich anschaut, wie nur sie es tut, wenn sie ihre Hand ganz selbstverständlich in die meine legt und wenn sie am Morgen beiläufig über  meinen Nacken streicht, dann möchte ich auch bitte innerlich explodieren, möchte, dass mein Magen basejumpt, während mein Hirn sich mit einem Cocktail aus Endorphinen, Adrenalin und illegalen Drogen die Kante gibt. Ich weiss, dass es funktioniert und ich weiss, dass es nichts Vergleichbares gibt. Aber eben, dafür brauche ich hochgesteckte Ziele, denn es funktioniert nicht mit jeder dahergelaufenen Szeneschnitte.

In dem Sinn behalte ich meine Ambitionen bei, denn wenn es denn hinhaut, dann tut es das richtig.

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arena.

2009/10/17

Zu meinen liebsten Samstagmorgenbeschäftigungen gehört es, mein Frühstück einkaufen zu gehen (später mit Drei-Minuten-Ei, Croissants und Kaffee am Tisch zu sitzen gehört auch dazu, übrigens), meistens schaffe ich es sogar zu einer Zeit, zu der noch nicht so unglaublich viele Leute unterwegs sind, sich um Milch und Käse prügeln oder ihre allwöchentliche Tratschrunde mitten im Laden abhalten, jeder mit mindestens drei Einkfauswagen, schon klar.

In letzter Zeit ist mir bei meinen Einkaufsspaziergängen aufgefallen, dass sich bei dem kleinen und niedlichen Markt um die Ecke öfters Parteiangehörige postieren und mit freundlicher, volksnaher Miene um Unterschriften oder offene Ohren buhlen. Dem war auch heute so, lustigerweise stand der Stand (wenn Stände hinter Ständen stehen, stehen Stände Ständen nach, dies aber nur am Rande) der alternativen Liste gefühlte zwei Zentimeter neben dem der SVP. Ich schlenderte gemütlich darauf zu, mir bewusst, dass ich von mindestens einem der netten Politiker angesprochen würde und baute mir im Geiste bereits adäquate Antworten. Die alternative Liste würde wohl wieder Unterschriften für die „Krankenkassenprämienindengriffbekommung“ sammeln, da konnte ich einfach und wahrheitsgemäss mit „hab schon unterschrieben!“ meines Weges gehen.

Blieb der Stand der SVP als Hindernis zwischen mir und meinen Croissants. Nun bin ich ja Diskussionen nicht abgeneigt, aber mir noch vor dem Frühstück ein Verbot von Minaretten als „Volkswille und unbedingt notwendig: ihre Partei mit dem Ohr am Bedürfnis des einfachen Mannes“ verkaufen zu lassen, dazu fehlte mir gerade die Lust. Man musste also abblocken und das schlagfertig. Und diese schlagfertige Blockade musste schnell her, denn es trennten mich nur noch einige wenige Meter von der Frau mit den Flugblättern, die mich bereits gewittert hatte und gepardengleich auf mich zustürmte.

Vier Meter, ich frage mich, ob „Warum stehst du nicht am Herd und kochst für Mann und Kinder, so wie es deine Partei als ideale Familienstruktur vorsieht?“  zu harsch sei.

Drei Meter, ich bin bei „Ach, fahr ab!“

Zwei Meter, „Wussten sie schon, dass wir gar kein Ausländerproblem haben?“

Ein Meter, jetzt gilt es. Sie grinst diabolisch, der linke Arm steigt mit dem Flugblatt fest im Griff empor, der Mund öffnet sich langsam, alles  geht langsamer, die ganze Welt passiert in Zeitlupe, Stimmen erscheinen um zwei Oktaven tiefer, nichts ist mehr von Bedeutung.

Sie: „Guten Tag, hätten sie..“

Ich: „Nein danke, sie sind nicht meine Volkspartei.“

 

Es mag nichts nützen, aber es tut schon gut, alleine, wenn man sieht, wie tief in ihnen drin etwas kaputtgeht, wie ein klein wenig Motivation verschwindet, Samstage zu opfern um diesen Mist unter die Leute zu bringen.

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märchenstunde.

2009/10/13

Komplett improvisiertes Kurzmärchen, inspiriert durch einige Diskussionen der letzten Tage. Und nein, ich nehme keine Drogen.

 

Es war einmal eine Prinzessin, die lebte in einem grossen Schloss bei ihrem strengen und enorm dicken Vater, dem König über ein riesiges Königreich. Die Prinzessin war zwar wunderschön, dennoch beklagte sie jeden Tag ihr hartes Schicksal. Ihr fehlte nämlich zum kompletten Glück nicht nur ein muskelbepackter Prinz, sondern auch eine elegante Handtasche.

Nun begab es sich, dass ein fahrender Händler an die Pforten des Schlosses gelangte und dem König eine Diätsuppe feilbot. Selbiger strich sich skeptisch über den prallen Bauch und verlangte mit gerunzelter Stirn nach einer Gratisprobe. Der Händler stimmte nach einigem Feilschen zu, allerdings unter der Bedingung, dass die wunderschöne Tochter des strengen und beleibten Herrschers die Suppe im nahe gelegenen Zelt abhole.

Die Prinzessin machte sich also auf den Weg und hopste zierlich durch die Abendsonne, während sie sich über die grossäugigen Rehlein und Häschen freute, die sie begleiteten. Bald erreichte sie das schwarze Zelt des fahrenden Händlers und obwohl ihr klar sein musste, dass es wenig Sinn ergab, klopfte sie an. Er habe sie erwartet, meinte der fahle und dürre Verkäufer mit seltsam abgründigem Lächeln und bat sie herein. Von der Diätsuppe nahm sie eine grosse Büchse, doch gross war der Schreck, als sie bemerkte, dass sie keine Tragemöglichkeit dabei hatte. Und, oh, wie ein Wunder kam es ihr vor, als der Fahrende hinter seinem Rücken eine über die Massen elegante Handtasche hervorzauberte und ihr feierlich überreichte. Es sei ein Werbegeschenk, meinte er und entliess die vor Glück ganz aufgelöste Prinzessin.

Kaum war das Mädchen im Schloss angelangt, rannte es aufgeregt zur Mutter, auf dass sie ihr die Tasche zeige. Doch als sie freudig auf die Königin zustürmte, wich diese zurück und schlug sogar nach der Tochter. Was Wunder, war ihr doch wie aus dem Nichts ein prächtiger Bart gesprossen, der sich über Wange und Kinn erstreckte und bei genauerer Betrachtung wohl tatsächlich auch Brusthaar beinhaltete. Die Tasche nämlich war vom heimtückischen Händler mit einem Fluch behaftet worden, auf dass er sich am geizigen und übergewichtigen König räche. So begann eine Zeit des Wehklagens, denn nicht nur die Prinzessin, sondern auch der gesamte Hofstaat liess Tränen über die Backen kullern, teils aus Solidarität, teils aus Angst vor dem König. Dieser indes hatte ob des Schrecks innert einer Nacht sein gesamtes Gewicht verloren und glich nunmehr einem Seidenfaden, der im Wind flattert.

Immerhin, es wendete sich alles zum Guten, kam doch nach einigen Jahren ein leicht schmieriger Prinz in die Gegend, der die Vorliebe hatte, aussergewöhnlich behaarte Frauen um sich zu scharen. Die Prinzessin passte ganz hervorragend in sein Beuteschema und da sie im Leben keinen Besseren finden würde, heiratete sie ihn. Sie hatte fortan keinen Grund zur Klage, der Ehemann behandelte sie gut und zwirbelte des Abends gerne ihren Schnurrbart. Ging sie aus, warf sie eine edle Burka über und fühlte sich so wohl und behütet.

Und sind sie nicht gestorben, so flechten sie sich noch heute gegenseitig Blumen in die Bärte.

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heiratsantrag.

2009/10/11

Ich möchte Michèle Roten heiraten. Nicht immer, natürlich. aber einigermassen oft, jeweils nach dem Lesen ihrer Artikel oder Kolumnen. „Warum denn?“, könnte man jetzt fragen und hätte damit eine Frage gestellt, die ich so einfach nicht beantworten kann. Schliesslich habe ich noch nie mit ihr gesprochen, ja, ich weiss nicht einmal genau, wie die gute Frau aussieht (man könnte an dieser Stelle jetzt beginnen, im grossen weiten Internet Bilder von ihr zu suchen, aber da käme ich mir ziemlich stalkerisch und peinlich vor).

Meine Zuneigung, wenn man das denn so nennen will, gründet einzig und alleine darauf, dass ich Frauen, die gut schreiben, in meinem geistigen „Katalog der weiblichen Erscheinungsformen“ unter „anziehend und ganz sicher attraktiv“ einordne. Frauen, die gut schreiben, können nicht unattraktiv sein, in meiner Welt zumindest nicht. Frauen, die gut schreiben können, sind witzig, geistreich, charmant und eloquent. Und sie sehen gut aus, alle.

Klar bin ich nicht immer einer Meinung mit dem, was ich lese. Das spielt aber keine Rolle, viel wichtiger ist es, dass da jemand ist, die mit der Sprache umgehen kann, die an der richtigen Stelle die richtige Pointe bringt, die mir das Gefühl gibt, dass da ein Mensch ist, der ähnlich denkt, wie ich. Und Michèle Roten ist so eine davon. 

Wenn jetzt jemand kommt und mir vorwirft, ich würde hier ganz erstaunt darüber schwadronieren, dass jemand „Frau sein und dennoch gut schreiben“ könne, dann entgegne ich: ganz falsch. Darum geht es nicht. Ich wollte nur mal kundtun, dass ich Frauen, die gut schreiben, unheimlich super finde. 

Da Michèle Roten ja ganz offenbar in festen Händen ist, suche ich mir halt eine andere Frau, die gut schreibt. Glücklicherweise gibt es einige. Und sie sehen gut aus, alle.

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herbst.

2009/10/10

Ich mag den Herbst. Wie sich fahles Sonnenlicht, das einen gerade noch knapp wärmt, mit Regen abwechselt, wie man von leichten Mahlzeiten, die grösstenteils aus Salat bestehen, zu deftigeren Gerichten wechselt (und auch selbst wieder vermehrt kocht), wie man irgendwo auf einer Bergkuppe steht und inmitten von leuchtend roten Bäumen in den Nebel hinunterschaut.

Auch meine Musikvorlieben haben sich gerade mal wieder geändert. Wo ich während heisser, klebriger und irgendwie sündhafter Abende (ich mag den Sommer auch, zugegeben) noch basslastige Minimal- und Dubstep- Klänge durch die Wohnung und aus dem Fenster wabern liess, werden nun etwas ruhigere Alben aufgelegt. Ich habe heute Morgen in meinem Regal gestöbert – es gibt beinahe nichts schöneres, übrigens – und eine kleine Auswahl an Songwriterperlen herausgepickt, die nun auf dem Plattenteller kreisen. 

Und weil ich ein unverbesserlicher Kitsch- und Romantik-Softie bin, finde ich es nun wunderbar, auf dem Sofa zu liegen, Kaffee zu trinken und Booklets durchzublättern, während Tom Waits sein Piano trinken lässt (nicht sich selbst), während die Eels zum Mond klettern, Conor Oberst seinen Frust in die Welt schreit (bitte hier und jetzt das 2002er-Album von Bright Eyes kaufen („Lifted or the story…undsoweiter“), das ist ein ganz phänomenales Stück Teenage Angst, Abscheu vor der Welt und doch voller Liebe), oder Leonard Cohen, South San Gabriel, Bonnie „Prince“ Billy, Townes Van Zandt, M. Ward, Joe Henry und wie sie alle heissen mögen mein Gemüt streicheln.

Doch genug des Namedroppings, schliesslich soll sich jeder seine Lieblings-Songwriter selbst suchen und finden, es ist ein grosser Spass. Ich bleibe derweil in der gemütlichen Position auf dem Sofa, schaue manchmal ein wenig auf die Strasse und fühle mich wohl. Irgendwann stehe ich dann auch mal wieder auf, gehe aus, verliebe mich unglücklich und schreibe darüber (keinen Song, aber immerhin einen flapsigen Beitrag zu diesem Blog), verliebe mich vielleicht auch glücklich und schreibe dann Zeilen, wie Wilco dies in „Jesus, etc“ tun („don’t cry, you can rely on me, honey“), aber: nicht heute. Heute gehöre ich nur mir. Das finde ich gut so.